Joseph Ratzinger (1927-2022) ging als Papst Benedikt XVI. in die Geschichte ein. Viele Christen kreiden ihm allerdings seinen Amtsverzicht 2013 an. Zunächst jubelte die deutsche Presse „Wir sind Papst“. Es dominierten danach jedoch kritische Stimmen von links, die Papst Benedikt XVI. einen „Angriff auf die moderne Gesellschaft“ (Alan Posener) unterstellten. Vielleicht war gerade das aber ja seine Stärke. Der Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf sagte:
„Benedikt ist Leitfigur für viele konservative Intellektuelle weltweit geworden, zunächst als eine klassische deutsche Gelehrtenbiografie, wenn man sich sozusagen die einzelnen akademischen Stationen anschaut, aber hat immer einen wichtigen Anspruch erhoben, dass das Christentum eine denkende Religion ist, dass das Christentum in einem engen Bündnis mit der Vernunft steht – Glaube und Vernunft, sie waren für ihn ein wichtiges Thema. Insofern hat er dem Katholizismus ein intellektuelles, schärferes Profil gegeben als andere Päpste vor ihm.
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Das bedeutet eine interessante Mischung aus Modernitätskritik, also etwa die, wie ich finde, geniale Formel – ich halte sie für falsch, aber es ist eine geniale Formel: eine pluralistische Gesellschaft als eine Diktatur des Relativismus zu beschreiben, also Pluralismus mit Relativismus gleichzusetzen. Er sucht sozusagen nach neuen tragfähigen Orientierungen, die seiner Sicht nach nur eine starke religiöse Institution, eben die katholische Kirche, und der christliche Glaube geben können.
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Das wichtigste intellektuelle Vermächtnis von Joseph Ratzinger oder Benedikt XVI. ist die klare Botschaft, dass das Christentum eine Religion ist, die vor dem Forum der Vernunft verantwortet werden muss, dass ein vernunftloser, ein geistloser Glaube sehr schnell in Fanatismus und Intoleranz umschlägt. Dagegen hat der Papst sozusagen alteuropäische aristotelische Vernunfttraditionen ins Spiel gebracht. Ich würde sagen eine interessante Spielart eines religiösen Konservativismus.“
„Diktatur des Relativismus“? Es lohnt sich nachzuschlagen, was Benedikt XVI. genau damit gemeint hat:
„Jeden Tag entstehen neue Sekten, und dabei tritt ein, was der hl. Paulus über den Betrug unter den Menschen und über die irreführende Verschlagenheit gesagt hat (vgl. Eph 4,14). Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich »vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen«, als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint.
Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten läßt. Wir haben jedoch ein anderes Maß: den Sohn Gottes, den wahren Menschen. Er ist das Maß des wahren Humanismus.
»Erwachsen« ist nicht ein Glaube, der den Wellen der Mode und der letzten Neuheit folgt; erwachsen und reif ist ein Glaube, der tief in der Freundschaft mit Christus verwurzelt ist. Diese Freundschaft macht uns offen gegenüber allem, was gut ist und uns das Kriterium an die Hand gibt, um zwischen wahr und falsch, zwischen Trug und Wahrheit zu unterscheiden. Diesen erwachsenen Glauben müssen wir reifen lassen, zu diesem Glauben müssen wir die Herde Christi führen. Und dieser Glaube – der Glaube allein – schafft die Einheit und verwirklicht sich in der Liebe.“
Weiterführend: Mensch Ratzinger (Blaue Narzisse, 28.09.2016)