Franz Kafka (1883-1924) hat in seinen Erzählungen und Romanfragmenten den sanften Totalitarismus der Gegenwart vorweggenommen. Im sanften Totalitarismus werden die Menschen nicht etwa an die Wand gestellt und erschossen, wie in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Nein, sie werden wie Josef K. in Der Prozeß von anonymen Mächten aus der „Zivilgesellschaft“ verleumdet und müssen dann gegenüber der Öffentlichkeit und Justiz ihre Unschuld beweisen, obwohl es eigentlich eine Unschuldsvermutung geben sollte. Meisterhaft hat Kafka zudem die Bürokratie im sanften Totalitarismus beschrieben (siehe: Das Schloß). In dieser Bürokratie stößt man nicht direkt auf Ablehnung, aber man muß sich immer an eine andere Stelle wenden und noch einen weiteren Antrag stellen, um zum Ziel zu gelangen, das dadurch unerreichbar wird.