Die realistische Denkschule der Internationalen Beziehungen geht von einem pessimistischen Menschenbild aus. Menschen neigen in Extremsituationen zu Gewalt. Staaten streben nach Macht. Weder in Staaten noch zwischen Staaten ist daher ein dauerhafter Frieden realistisch. Staaten müssen sich vielmehr stets für den Ernstfall rüsten. Sie müssen sich auf Kriege vorbereiten, weil diese die Ultima Ratio im anarchischen Staatensystem darstellen. Merke: Wer Realist ist, kann kein Pazifist sein.

Der Realismus hält darüber hinaus nicht viel von supranationalen Institutionen, die vorgeben, den Krieg über eine globale „Wertegemeinschaft“ abschaffen zu können. Der Realismus erkennt vielmehr die dürftige Erfolgsbilanz solcher Gebilde. Insgeheim wird die westliche Wertegemeinschaft immer noch vom Stärksten, den USA, dominiert. Ihr Anspruch, als Weltpolizei Gewalt einzuhegen und über soft power in allen Weltregionen politische und ökonomische Bastionen der Macht aufzubauen, ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts jedoch krachend gescheitert. Der „globale Westen“ (auch „Werte-Westen“ genannt) hat die Kraft verloren, seine Interessen überall durchzusetzen. Deshalb wäre er gut beraten, die eigenen Grenzen abzustecken, zu verteidigen und auf ein außenpolitisches Gleichgewicht zu achten.