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Mit Slogans wie „Arbeit muss sich wieder lohnen“ und „Wer arbeitet, darf nicht der Dumme sein“ wollen Politiker von Linkspartei bis AfD immer wieder punkten. Abseits vom politischen Tagesgeschäft ist Arbeit jedoch viel mehr als notwendige Lohnarbeit und 40-Stunden-Woche zum Erwerb der eigenen Brötchen. Für viele Deutsche ist sie sinnstiftend.

Es ist deshalb nicht ausreichend, den Sinn und Zweck von Arbeit nur an ihrer wirtschaftlichen Relevanz und Messbarkeit auszurichten. War es doch die „protestantische Arbeitsethik“ (Max Weber) im Allgemeinen, die Deutschland auch kulturell und mental geprägt hat!

Laut Beobachtern aus dem In- und Ausland zeichnen sich die Deutschen durch ihren Fleiß und ihre Ordnungsliebe aus. Die dazugehörige Tätigkeit ist das Arbeiten. Thea Dorn geht in ihrem Beitrag über die „Arbeitswut“ so weit, die Gleichsetzung von „Arbeitsdienst“ und „Gottesdienst“ als markantes Kennzeichen der deutschen Seele herauszustellen (In: Die deutsche Seele, S. 32-48).

Arbeitslust und Nächstenliebe

Passend dazu zitiert sie den Theologen August Hermann Francke (Franckesche Stiftungen in Halle/Saale), der meinte: „Wir müssen in unsrem ganzen Leben schaffen, daß wir selig werden.“ Christliche Nächstenliebe sei daher nicht darin zu finden, Almosen zu vergeben (Umverteilung), sondern dem Bettler beizubringen, „wie er in Zukunft selbst Mäntel herstellen kann“, so Thea Dorn. Arbeit im deutschen Verständnis findet also nicht allein statt, sondern immer mit dem „Nächsten“, für den man ebenso verantwortlich sei, wenn er sich denn fleißig zeigt.

Die Deutschen sind mit ihrer Arbeitswut, „die zugleich höchste Arbeitslust war“, jedoch auch immer angeeckt. Der Soziologe Max Scheler vertrat 1916 die Ansicht, daß dieses Arbeitsethos die „Ursache des Deutschenhasses“ gewesen sei. Weder die Osteuropäer noch die auf Handel fokussierten Engländer könnten damit etwas anfangen.

Der Jahrhundertschriftsteller Ernst Jünger definierte die Arbeit in seinem Werk über den Arbeiter (1932) als „eigenartigen Willen“. Arbeit sei hingegen „keine technische Tätigkeit“. „Sie ragt vielmehr gewaltig über alles Wirtschaftliche hinaus“.

Schlußendlich stilisierte Jünger das Arbeiten zu der Tätigkeit, die „eine neue Weltordnung“ hervorbringe. „Wer heute in Deutschland nach einer neuen Herrschaft begierig ist, der wendet den Blick dorthin, wo er ein neues Bewußtsein von Freiheit und Verantwortung an der Arbeit sieht.“

Die zwei totalitären Staaten auf deutschem Boden im 20. Jahrhundert entstellten indes die Arbeitslust. Thea Dorn dazu: „‚Arbeit macht frei.‘ Diesen Satz, den die Nationalsozialisten pervertierten, indem sie ihn als Toraufschrift an ihren Konzentrationslagern missbrauchten, hätte Goethe noch begeistert unterschrieben.“

Immer weniger Arbeiter

Der gute Ruf der Arbeit ist dennoch geblieben. Gleiches gilt für den Beruf aus Berufung. Zu vermeiden sind jedoch die Begriffe „Arbeiter“, „Arbeiterklasse“ und „Arbeiterstaat“. Denn: Zum Glück will so gut wie niemand den „Arbeiter- und Bauernstaat“ der DDR zurück.

Die Gruppe der Arbeiter wird zudem immer kleiner. Bis 1980 war sie noch die größte Gruppe unter den Erwerbstätigen. Inzwischen sind nur noch 16,6 % der Erwerbstätigen tatsächliche Arbeiter. Nur für diese Personengruppe ist die Bezeichnung „Arbeiter“ angemessen. Den „Arbeiter“, wie Ernst Jünger als „Gestalt“ zu begreifen, ist heute aus der Zeit gefallen und deshalb unter einem rein sprachpolitischen Gesichtspunkt zu vermeiden. Besser ist es anzusprechen, wie viele Angestellte und Arbeiter „arm trotz Arbeit“ sind.