Hermann Josef Abs (1901-1994) war als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank in der Nachkriegszeit die prägende Gestalt der „Deutschland AG“ und als politischer Berater maßgeblich am deutschen Wirtschaftswunder der sozialen Marktwirtschaft beteiligt. David Rockefeller bezeichnete ihn als „führenden Bankier der Welt“. Im Gegensatz zur nachfolgenden deutschen Managerelite galt Abs als jemand, der sich „nicht ausschließlich am Gewinn oder gar am Börsenkurs“ orientierte, sondern auch „überbetriebliche Ziele gelten“ ließ – zum Beispiel „das Wohl der Arbeitnehmer, das Wohl der Region oder gar das Wohl der ganzen Nation“, urteilt Konstantin Richter in seinem Buch über die Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG.
„Abs hat eine klassische musikalische Ausbildung genossen, er liebt die Werke von Johann Sebastian Bach und die bildende Kunst“, charakterisiert ihn Richter. Abs gelang es „als Chefdiplomat der Nation“ ein Schuldenabkommen mit den West-Alliierten abzuschließen, das eine Wiederholung der wirtschaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten wie nach dem Ersten Weltkrieg verhinderte. Er war zeitweise in 25 Aufsichtsräten gleichzeitig vertreten. 1965 wurde mit der „Lex Abs“ eine Obergrenze von 15 eingeführt.
Im Nachhinein ließe sich natürlich argumentieren, daß die Westbindung Deutschlands zu einer Umerziehung des eigenen Volkes führte und eine ungesunde Abhängigkeit zu den USA mit sich brachte. Diese Kritik ist richtig. Sie läuft darauf hinaus, eine Emanzipation Deutschlands und Europas von den USA zu fordern. Nichtsdestotrotz: Welche anderen Handlungsoptionen hätten Männer wie Abs in den 1950er-Jahren gehabt? Die Westbindung diente in diesen Jahren der Rückgewinnung minimaler Souveränität. Hermann Josef Abs soll einmal gesagt haben, was gut für die Deutsche Bank sei, sei auch gut für Deutschland. Konstantin Richter zweifelt zwar die Authentizität dieses Zitats an, bestätigt aber den dahinterstehenden Wahrheitsgehalt. „Das Geschäftsmodell des Geldhauses, einst gegründet, um einheimische Firmen im Auslandshandel zu unterstützen und damit den nationalen Wirtschaftsinteressen zu dienen, beruht auf einer implizierten Interessenkongruenz von Deutschland und Deutscher Bank.“ Spätestens seit dem Einstieg der Deutschen Bank ins Investmentbanking unter Alfred Herrhausen ist es damit vorbei.
(Bild: Hermann Josef Abs, Deutsche Bank AG, Kultur und Gesellschaft Historisches Institut, CC BY-SA 3.0)