Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) hat mit seinen „Reden an die deutsche Nation“ (1808) die Einheit des deutschen Vaterlandes ganz wesentlich vorbereitet. Dieter Borchmeyer meint in seinem über 1.000 Seiten starken Werk mit dem Titel Was ist deutsch?, man könne die Bedeutung dieser Reden gar nicht überschätzen.
Die „Erfindung der Nation“ ist in Deutschland freilich weder dem „Volk“ noch gar den Fürsten und der aristokratischen Oberschicht zu danken, nicht einmal der Mehrheit des (Bildungs-)Bürgertums, sondern als „gedachte Ordnung“ einer kleinen Schicht von Intellektuellen, welche die Einheit der Deutschen mit der Macht der Feder statt des Schwertes erstrebten. Für Fichte gilt es, eine „Denkart“ zu entwickeln, der folgend „man sich als Deutschen schlechtweg denke“ …
Fichte leitete diese „Nationalerziehung der Deutschen“ ein. Er orientierte sich dabei insbesondere an der Reformpädagogik von Johann Heinrich Pestalozzi. Nur mit Nationalerziehung könne es gelingen, „die deutsche Selbständigkeit zu retten“, betonte Fichte in einer der bittersten Stunden der deutschen Geschichte nach dem Verlust der Schlacht bei Jena und Auerstedt, die eine französische Fremdherrschaft zur Folge hatte.
Borchmeyer ist besonders wichtig zu unterstreichen, daß Fichte „Eigenheit und Mündigkeit (…) auch anderen Völkern“ zugestand. Daher sei „jede Eroberung und Ausbeutung eines fremden Landes für ihn (also Fichte) ein Verstoß gegen Vernunft und Sittlichkeit.“ Thor v. Waldstein ergänzt: „Ohne Bruch verläuft indes der denkerische Weg des jungen Fichte als „wütendem Freiheitslehrer“ zu dem reifen Fichte als dem Nationalerzieher zur deutschen Freiheit.“
Fichte war für kurze Zeit Rektor der neuen Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität, die auf Initiative von Wilhelm von Humboldt gegründet wurde.