Friedrich List (1789-1846) zählt zu den „Klassikern des ökonomischen Denkens“ (Joachim Starbatty). Insbesondere hat er aufgezeigt, wie junge Industrien durch Protektionismus zur Weltmarktreife geführt werden können. Das war der Schlüssel zum Erfolg für das aufstrebende industrielle Deutschland im 19. Jahrhundert. Wir haben List in Recherche D, Heft 2 (August 2018), portraitiert und möchten diese Vorstellung hier gekürzt wiedergeben:

Friedrich List und der Sinn des Protektionismus

Protektionismus kann als Druckmittel dienen. Viel wichtiger ist er jedoch für aufstrebende Nationen mit jungen Industrien, die in ihrem frühen Entwicklungsstadium Schutz benötigen, um nicht von etablierten Weltmarktführern im Keim erstickt zu werden. Brillant herausgearbeitet hat dies der deutsche Nationalökonom Friedrich List (1789-1846). Britische Waren überschwemmten zu seiner Zeit den deutschen Markt. Es stellte sich folglich die Frage, wie eine Industrialisierung angesichts dieser Dominanz gelingen könnte. In seinem Werk Das nationale System der politischen Ökonomie stellt List dazu zunächst fest: „Daß aber unter den bestehenden Weltverhältnissen aus allgemeiner Handelsfreiheit nicht die Universalrepublik, sondern die Universaluntertänigkeit der minder vorgerückten Nationen unter die Suprematie der herrschenden Manufaktur-, Handels- und Seemacht erwachsen müßte, dafür sind die Gründe sehr stark und nach unserer Ansicht unumstößlich.“

Bis heute kann diese Beobachtung Gültigkeit beanspruchen: In Nigeria zum Beispiel stehen jedem Auto aus einheimischer Produktion 131 Importfahrzeuge gegenüber. Bei einem solchen Verhältnis ist es aufgrund des technologischen Vorsprungs der Konkurrenz ohne Abschottung und Restriktionen unmöglich, die eigene Wirtschaft voranzubringen. Eine Dauersubventionierung hatte List jedoch nie im Sinn. Er insistierte, die Wirtschaftsförderung solle sich auf junge Branchen mit einem hohen Innovationspotential konzentrieren. Sobald diese auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig seien, könne man zur Handelsfreiheit zurückkehren. An Trump wäre daher die Frage zu adressieren, welche Entwicklungsstrategie er eigentlich mit seinen Zöllen verfolgt. Genau dies ist der wunde Punkt. Allem Anschein nach versucht er, alte Industrien im Niedergang zu schützen. Die United States Steel Corporation etwa war jahrzehntelang das größte Unternehmen der Welt und beschäftigte während des Zweiten Weltkrieges zu Spitzenzeiten ca. 340.000 Mitarbeiter. Inzwischen (2018) zählt dieses ehemalige Aushängeschild lediglich noch 23.000 Arbeitnehmer.

Solchen Industrien aus einer nationalen Kränkung heraus eine außerordentliche Priorität einzuräumen, hätte Friedrich List vermutlich schon deshalb als einen Fehler angesehen, weil er den Stellenwert des Wissens früh hervorhob. Zu Reichtum gelange, wer Rohstoffe günstig importieren und Manufakturprodukte teuer exportieren könne. Dazwischen liegt ein kreativer Prozeß, der ein „Gleichgewicht oder die Harmonie der produktiven Kräfte“ zum Ziel haben müsse. List erklärt dazu: „Je mehr die geistigen Produzenten zu Beförderung der Moralität, Religiosität, Aufklärung, Kenntnisvermehrung und Verbreiterung der Freiheit und politischen Vervollkommnung, der Sicherheit der Personen und des Eigentums im Innern, der Selbständigkeit und Macht der Nation nach außen beitragen, desto größer wird die materielle Produktion sein; je mehr die materiellen Produzenten an Gütern produzieren, um so mehr wird die geistige Produktion befördert werden können.“

Bemerkenswert ist dieser ganzheitliche Ansatz, weil er von Politikern und Ökonomen der Gegenwart folgenschwer mißachtet wird. Deutschland bringt so seit Jahrzehnten zu viele nutzlose Sozialversteher hervor, deren geistige Erzeugnisse darin bestehen, neue Geschlechter zu erfinden und gegen alle Traditionen anzuschreiben. Meinungsfreiheit, die eine gesellschaftliche Erneuerung im positiven Sinne einleiten könnte, bleibt aber genauso auf der Strecke wie das Verständnis für den Zusammenhang zwischen Markt und Moral bzw. Sicherheit und Wohlstand!

Zugleich ist die Klage über fehlende Fachkräfte in den MINT-Berufen seit Jahren omnipräsent. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft können aktuell in Deutschland ca. 315.000 Stellen in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen nicht besetzt werden. Statt jetzt allerdings vorschnell nach ausländischen Fachkräften zu rufen, die dank der Blauen Karte (EU Blue Card) sowieso schon kommen könnten, dürfte List die bessere Organisation der einheimischen, produktiven Kräfte empfehlen.

Sein Ausgangspunkt ist dabei die Unterscheidung zwischen kosmopolitischer und politischer Ökonomie. Erstere müsse als eine „Theorie der Tauschwerte“ und letztere als eine der produktiven Kräfte betrachtet werden. Obwohl List ebenso wie viele heutige Globalisten von einer weltweiten Vereinigung träumte, die erreicht werden könne durch ökonomische Entwicklung, wußte er, daß man ein Haus von unten nach oben bauen muß und der Versuch, es umgedreht anzugehen, vergebene Liebesmüh bleiben wird. Daraus folge die notwendige Bevorzugung des inneren Marktes einer Nation vor dem Außenhandel.

Zwar sah dies Adam Smith genauso. Dennoch arbeitete sich List an ihm und der Freihandelsidee ab. Sein Hauptvorwurf lautete, daß die Liberalen die Wesensunterschiede zwischen Privat- und Nationalökonomie vermengten. Dies führe zu „bodenlosem Kosmopolitismus“, „totem Materialismus“, „Partikularismus“ und „Individualismus“. Da es sich hierbei durchweg um Erscheinungen handelt, die im 21. Jahrhundert schwelen, sollten diese Einwände zu denken geben. Sie gesetzgeberisch einschränken zu wollen, dürfte jedoch ein Holzweg sein, weil nur die Kultur das einigende Band für ein Volk bereitstellen kann. Mithin ist List zuzustimmen, wenn er schreibt, es brauche einen „Nationalgeist“, „um jetzt schon den Baum zu pflanzen und zu beschützen, der erst künftigen Generationen seine reichsten Früchte bieten wird“. Dieses langfristige Denken wurde in den letzten Jahrzehnten hauptsächlich durch den demokratischen Parteienungeist, der sich auf unsinnige Wahlgeschenke spezialisiert hat, und eine Wirtschaftselite zerstört, der schnelle, scheinbare Wertsteigerungen an der Börse wichtiger sind als nachhaltiges Wachstum.

Die Echtzeitkommunikation über das Internet hat diese Problemlage noch einmal verschärft. Doch wo unbeeinflußbare Bewegungen auftreten, entstehen immer zugleich Gegenbewegungen. Oder wie es Friedrich Hölderin formulierte: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Ewige Beschleunigung gibt es nicht. Jedes Pendel schwingt irgendwann zurück. Gleichwohl wissen wir in der Geschichte natürlich nie mit absoluter Gewißheit, an welchem Punkt wir gerade stehen. Dies führt uns zu einigen Aspekten, bei denen Friedrich List Paroli geboten werden muß: Er nahm an, durch die „ökonomische Erziehung der Nation“ sei irgendwann der „Eintritt in die künftige Universalgesellschaft“ möglich, die bei ihm eine globale Dimension annahm. Begleiten wollte er diesen Prozeß mit der „Einschaltung der gesetzgebenden Gewalt und Administration“, die „um so mehr hervortritt, je weiter die Ökonomie der Nation sich ausbildet“.

Hinauslaufen würde dies auf einen gigantischen Weltstaat als Endlösung aller politischen und ökonomischen Entwicklungspfade. List-Biograph William Henderson schreibt dazu, der in Reutlingen geborene Ökonom und Visionär habe „beharrlich die Möglichkeiten des Staates“ überschätzt. Sehr wahrscheinlich ist dies jedoch zeitbedingt, da erst 1871 die deutsche Einigung abgeschlossen werden konnte. 1841, als Das nationale System der politischen Ökonomie erschien, mußte sich List noch keine Gedanken über aufgeblähte Staaten und supranationale Bürokratien machen. Sein Fokus lag daher einseitig auf dem Wachsen und Zusammenwachsen. Für Europa wünschte er sich eine enge wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen dem deutschen Zollverein sowie Österreich und Ungarn. Dies implizierte auch, daß er darüber sinnierte, jährlich 500.000 deutsche Auswanderer in Ungarn anzusiedeln. Einerseits war dies vor dem Hintergrund des Aufbruchs vieler Deutscher nach Amerika verständlich. Migrationen in kulturnahe Regionen sind natürlich unproblematischer als interkontinentale – zumal zu dieser Zeit bereits 1,4 Millionen Deutsche in Ungarn lebten. Andererseits verrät diese Idee viel über den Machbarkeitswahn, der jeder Wachstumsideologie innewohnt. List hatte sich übrigens auch schon um die Planung des ungarischen Verkehrssystems gekümmert.

Was bleibt daher festzuhalten? Friedrich List taugt noch immer als großer Entwicklungshelfer, wobei dies keinesfalls reduziert auf die Dritte Welt zu verstehen ist. Das Grundgesetz der schöpferischen Zerstörung bringt für jede Volkswirtschaft und jedes Unternehmen ständig neue Herausforderungen mit sich, die manchmal nur mit zwischenzeitlicher Abschottung bewältigt werden können. Entscheidend ist, worauf dieser Protektionismus abzielt. Schützt er aus nostalgischen Gründen zurückgefallene Branchen, ist er schädlich. Unterstützt er jedoch wissensbasierte Innovationen, die den langfristigen Wohlstand der eigenen Nation mehren sollen, so ist er gerade in Zeiten einer engen globalen Vernetzung unabdingbar. Töricht ist hingegen die Annahme, ein weltweit komplett freier Waren-, Kapital- und Menschenaustausch könne uns überleben lassen. Wer dieser gefährlichen Illusion anhängt, wird am Ende des Tages feststellen, daß ihm von seinem Eigenen nur noch fünf oder zehn Prozent gehören. Und das bedeutet, daß das Eigene aufhört zu existieren.

Zitat

„Die Nationalökonomie lehrt, mit welchen Mitteln eine bestimmte Nation, in ihrer besonderen Lage, die Privatökonomie steuern und regeln und die Weltökonomie einschränken kann, entweder um ausländische Restriktionen und Macht abzuwehren oder um die produktiven Kräfte innerhalb ihrer Grenzen zu fördern.“ (Zitat aus: William Henderson: Friedrich List. Der erste Visionär eines vereinten Europas. Eine historische Biographie. Reutlingen 1989. S. 169)