Friedrich Nietzsche (1844-1900) war ein Philosoph, der Ende des 19. Jahrhunderts mit der „Herdentier-Moral“ in Europa abrechnete und die „moralische Heuchelei der Befehlenden“ anprangerte, weil sie ein Zeichen der Schwäche sei. Nietzsche empfand die Zeit, in der er lebte, folglich als „Auflösung“. Zum einen setzte er einen radikalen Realismus dementgegen: „Die ‚Ausbeutung‘ gehört nicht einer verderbten oder unvollkommnen und primitiven Gesellschaft an: sie gehört ins Wesen des Lebendigen, als organische Grundfunktion, sie ist eine Folge des eigentlichen Willens zur Macht, der eben der Wille des Lebens ist. – Gesetzt, dies ist als Theorie eine Neuerung, – als Realität ist es das Ur-Faktum aller Geschichte.“1Alle Zitate aus: Jenseits von Gut und Böse (1886)
Zum anderen beschwor er einen „heroisch-anarchischen Individualismus“, wie Frank Lisson in seiner Nietzsche-Biographie betont. Besonders deutlich werde das in seinem „bilder- und sprachgewaltigsten Buch“ mit dem Titel Also sprach Zarathustra. Nietzsche entwirft darin den Idealtypus des „Übermenschen“. „Es ist der Mensch, der sich selbst erschafft, der niemanden nachahmt, keiner Mode folgt und keiner Moral, das souveräne Individuum, das nur seiner eigenen Natur folgt und dabei die ‚ewige Wiederkehr‘ aller Dinge akzeptiert, in uneingeschränkter Liebe zum Schicksal (amor fati)„, erklärt Lisson, der zugleich zu bedenken gibt, daß mit Nietzsches Philosophie „im wörtlichen Sinne kein Staat zu machen“ ist. Trotzdem wurde Nietzsche nach seinem Tod unvermeidlich politisch gelesen und instrumentalisiert. Sein Werk erfuhr nach seinem Tod eine „ungeheure Resonanz“ und seine Popularität schoss „schnell ins Gigantische“. Lisson betont: „Bis heute gilt Nietzsche weltweit als der meistzitierte Philosoph.“