Friedrich der Große (1712-1786) konnte eine derartige Popularität erlangen, weil er für alle politischen Richtungen anschlußfähig gemacht werden kann. In seiner rebellischen Jugend, in der er sich gegen seinen Vater, den Soldatenkönig stellte, und in seinen ersten Jahren auf dem Thron stand er für ein fortschrittlich-linksintellektuelles Reformprogramm, führt Wolfgang Venohr in seinem Buch über Preußische Profile aus. Jeder solle nach seiner Facon selig werden, meinte Friedrich der Große in seiner preußischen Toleranz. „Und wenn Türken und Heiden nach Berlin kommen, so wollen wir Moscheen für sie bauen; wenn sie nur das Land bevölkern.“
Die andere Seite wird betonen, daß Friedrich der Große mit der Eroberung Schlesiens und der zähen Selbstbehauptung im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) Preußen als europäische Großmacht etablierte. Venohr zufolge hat Friedrich der Große „einen neuen Menschen geschaffen“, den „Preußen“, der zähneknirschend das Unerträgliche ertrage und standhaft bleibe. An diesen Preußen, so Venohr noch zu Zeiten der deutschen Teilung beinahe prophetisch, werde man sich bald „angesichts von Energiekrisen, Weltkatastrophen und schrumpfendem Wachstum“ erinnern und „hilfesuchend an ihn und seine ‚fritzischen‘ Traditionen appellieren“. Nun, dieser Appell beschränkt sich leider auf die Opposition. Die Regierung hat es freilich nicht verstanden, daß sie gerade jetzt Preußen bräuchte.
Die eigentliche Leistung von Friedrich dem Großen ist indes zwischen diesen beiden Polen, gewissermaßen zwischen links und rechts, zu suchen: Friedrich, der „Philosoph von Sanssouci“, sorgt für eine „Symbiose von Geist und Macht“. Er ließ sich nicht nur von der französischen Philosophie beeinflussen, sondern auch von Johann Sebastian Bach und Immanuel Kant. Es kam so zu einem „aufgeklärten Absolutismus preußischer Provenienz in Richtung einer volksfreundlichen Arbeitsmonarchie“, die „für die ’niederen‘ Volksschichten ungleich segensreicher war als jede Spielart bürgerlicher Klassenherrschaft, wie sie sich in Westeuropa oder Nordamerika verwirklichte“, urteilt Venohr.
Bündeln läßt sich das in Friedrichs Postulat: „Ich bin der erste Diener meines Staates!“ Konkreter: Friedrich der Große schuf den „ersten Rechtsstaat Europas“. Er erkannte, daß „Aufklärung“ nicht etwa Emanzipation, sondern „Volkserziehung“ bedeuten mußte. Außerdem sorgte er nach dem Siebenjährigen Krieg für das „erste deutsche Wirtschaftswunder“ (alles Venohr), indem er die preußischen Tugenden mit einem merkantilistischen Wirtschaftssystem verband.
Zusammengenommen sorgte das für eine „große deutsche Kulturrevolution“. Obwohl Friedrich der Große frankophil war, begann das Volk „auf einmal wieder, deutsch zu sprechen, deutsch zu dichten und deutsch zu denken“. Wie kam es dazu? Goethe meinte: „Der erste wahre und höhere eigentliche Lebensgehalt kam durch Friedrich den Großen und die Taten des siebenjährigen Krieges in die deutsche Poesie! Die Preußen und mit ihnen das protestantische Deutschland gewannen dadurch für ihre Literatur einen Schatz.“