Wilhelm Röpke (1899-1966) zählt zu den wichtigsten Vordenkern der Sozialen Marktwirtschaft. In Recherche D, Heft 3, haben wir ihn portraitiert:

Wilhelm Röpke: Ein Ökonom zwischen den Stühlen

„Die Luft war elektrisiert“, wenn Wilhelm Röpke den Raum betrat, berichtet ein Zeitzeuge über seine Vorlesungen. Der US-Ökonom Richard Ebeling ergänzt: „Man versteht leicht, was er meinte, wenn man irgendeines von Röpkes Büchern zur Hand nimmt. Der Leser erhält dann leicht das Gefühl, als würde er zurück in die Zeit der alttestamentarischen Propheten befördert, die vor dem Höllenfeuer und dem Schwefelgestank warnten, die die Menschen aufgrund ihrer Charakterschwäche und moralischer Verfehlungen erwarten würden.“ Wer war dieser Mann?

Wilhelm Röpke wurde am 10. Oktober 1899 in der Nähe von Hannover geboren und entstammt einer bildungsbürgerlichen Familie. Kurz nach dem Beginn seines Studiums zog er in den Ersten Weltkrieg. Noch bevor er publizistisch aktiv wurde, verfaßte er dabei ein kleines Kriegstagebuch. Zeithistorisch bietet sich der Vergleich mit Ernst Jüngers In Stahlgewittern an. Auch dienten beide im gleichen Hannoveraner Infanterieregiment. Ob sich Jünger und Röpke kannten, ist jedoch nicht belegt.

Röpke sieht retrospektiv in seiner Abneigung gegenüber dem Krieg auch den Startschuß für seine lebenslange Gegnerschaft zum Sozialismus: „Mit der ersten Ablehnung hatten wir im Schützengraben begonnen, als wir jede Art der Unterdrückung, Entwürdigung und Ausbeutung des Menschen zu hassen gewohnt worden waren.“ Während der Weimarer Republik, der Röpke skeptisch gegenüberstand, versuchte er seinen Pfad beizubehalten, und einen „Dritten Weg“, zwischen ungezügeltem Kapitalismus amerikanischer Prägung und kollektivem Sozialismus zu finden, der später „Wirtschaftshumanismus“ getauft werden und in direkter Ahnenreihe zu Ludwig Erhards „sozialer Marktwirtschaft“ stehen sollte, der ebenfalls von Röpke beraten und beeinflußt wurde.

Ab 1919 setzte Röpke seine akademische Ausbildung in Marburg fort, wo er 1921 seine Promotion ablegte und bereits ein Jahr später bei dem bekannten Ökonom Walter Troeltsch habilitierte. Anschließend beriet er das Auswärtige Amt in Fragen der internationalen Ökonomie. Ab 1924 ging Röpke nach Jena, später besuchte er die USA und studierte dort die Probleme der Agrarökonomie. In seinen nachfolgenden Schriften „Die Theorie der Kapitalbildung“ (1929) und „Finanzwissenschaft“ (1929) festigte Röpke seine ordoliberalen Überzeugungen, von denen er aber zeitweise abwich und stärkere Regulierungen forderte.

Bereits 1930 warnte Röpke vor dem aufkommenden Nationalsozialismus in einem öffentlichen Aufruf an seine niedersächsischen Landsmänner. Die Partei werde eine Diktatur errichten und „wenig Federlesens machen, wenn sie erst einmal zur Macht gelangt“. Wer für deren Kandidaten stimme, solle später nicht behaupten, „er habe nicht gewußt, was daraus entstehen könnte“. Drei Jahre später, bei der Grabrede für seinen Doktorvater Walter Troeltsch griff er die Nationalsozialisten scharf an.

Er wurde in der folgenden Zeit angefeindet und bedroht, erhielt Lehrverbot, mußte Marburg verlassen und ging nach Istanbul. Dort lehrte er Ökonomie – Kemal Atatürk nahm die deutschen Gelehrten mit Kußhand auf – und verließ erst nach sieben Jahren den Bosporus. Anschließend lebte er bis zu seinem Tod am Genfer See, unterrichtete an der dortigen Universität, dem „Institut des Hautes Études Internationales“ und machte sich als liberaler Kulturkritiker vor allem in der Schweiz einen Namen. Röpke verstarb 1966 in seiner Wahlheimat Schweiz, dem aus seiner Sicht einem Idealstaat am nächsten kommenden Land.

Nach dieser biographischen Einleitung nun aber rasch zum Werk und Wirken Röpkes: „Der Gleichgewichtspreis räumt den Markt“, lautet einer seiner bekanntesten Sätze. Röpke war im ökonomischen Sinne ein Verfechter der klassischen Denkrichtung, obwohl er mit seinen ganzheitlichen Konzepten, die auch Werte und Gesellschaft betrachteten, eher der „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“ zugeneigt war als dem interventionistischen Charakter der Keynesianer.

Für Röpke ist die „unsichtbare Hand“ des Marktes allgegenwärtig. Diese könne sich allerdings auch zum Nachteil der Gesellschaft entwickeln. Als Anhänger des Ordoliberalismus müsse man regulierend in die Wirtschaft eingreifen. Löhne könnten als Produkt reiner Marktmechanismen zu niedrig zum Leben ausfallen und auch Monopole seien stets eine Gefahr für den freien Wettbewerb. 1953 warb Röpke in der Wissenschaft gegen Schutzzölle auf Erdöl, wollte also die Produzenten dem internationalen Wettbewerb aussetzen. Kurz darauf resümierte er: „Wenn ich an irgendeiner Stelle in der deutschen Wirtschaft stünde und nicht finanziell absolut unabhängig wäre, hätte ich mit diesem Gutachten mein eigenes Todesurteil unterschrieben. Der Machthunger und die Skrupellosigkeit dieser Ölkonzerne übertreffen jede Vorstellung.“ Ob man diese nationalen Riesenkonzerne nun aber beschränken müßte, oder ein reiner Freihandel den gleichen Effekt bewirkt, ist noch heute umstritten.

Auffallend ist ebenfalls, daß Röpke zwischen Monopolen und Subventionen kaum unterscheidet: Beide seien eine Verfälschung des Wettbewerbs. Daß Subventionen Instrumente einer politischen Steuerung sind, und Monopole oftmals Ergebnisse, die der Markt selbst hervorbringt, ist nach Röpke nicht von Belang. Es existieren für Röpke zwei Wege, in den Markt einzugreifen. Abgesehen davon, dass sie minimalinvasiver Natur sein müssen, gibt es auf der einen Seite marktkonforme Steuerungen, die die Preisbildung indirekt beeinflussen, und nichtkonforme Eingriffe, die direkt den Preis manipulieren (Höchstpreise, Preissperren, Mindestpreise).

Besonders problematisch seien sogenannte Erhaltungsinterventionen, mit denen der Staat den unaufhaltbaren Niedergang ganzer Zweige zu retten versucht. Moderne Beispiele wären Braunkohle und Agrarsubventionen. Stattdessen soll der Staat Anpassungsinterventionen durchführen. Moderne Beispiele wären hier Anreize für Umschulungen der Bergarbeiter oder die Unterstützung von Bauern zur Umstellung auf biologische Landwirtschaft, nach der der deutsche Markt mehr Nachfrage entwickelt.

Gerade in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg konnte Röpke, da er in der Schweiz keinem Publikationsverbot unterlag, Einfluß auf die Wirtschaftspolitik und die öffentliche Meinung ausüben. Besonders tragisch war für Röpke die Entwicklung wirtschaftlicher Mischsysteme aus Kollektivismus und Individualismus, wie beispielhaft in Großbritannien, wo „eine klare Entscheidung zwischen den Ordnungs- und Antriebsprinzipien der Marktwirtschaft und der konsequenten kollektivistischen Planwirtschaft getroffen werden muß“. Die soziale Marktwirtschaft, wie sie von Röpke und anderen gedacht sowie von Ludwig Erhard umgesetzt wurde, ist keine stumpfe Synthese zwischen Sozialismus und Kapitalismus, keine Mischform beider Systeme, sondern eine freie Marktwirtschaft, die genügend Wohlstand erwirtschaftet, um sozial zu sein.

Röpke ging nicht nur ökonomisch den „Dritten Weg“, sondern stellte sich auch gesellschaftlich zwischen kollektivistischen Zwang und unbegrenzte Freiheit, die „liberalen Irrwege“, wie er 1942 bekannte. Er wandte sich damit gegen jenen Liberalismus, der „als echtes Kind des Rationalismus souverän die vitalen und anthropologischen Gegebenheiten ignoriert“ und geflissentlich die „Vermachtungs-, Konzentrations-, und Vermassungstendenzen sowie die verderblichen Effekte eines ungezügelten Egoismus und Hedonismus“ befördert. Allerdings dürfe man ebenso wenig den „doktrinären Reaktionären“ anheimfallen.

Durch diese Positionierung deutet Röpke zwei seiner späteren Maximen an: Einerseits eine fundamentale Kritik am herrschenden Zeitgeist sowie am ungezügelten Fortschritt, gerade was Konsum und Leben der Menschen betrifft. Andererseits aber beharrt er auf eine freie Gesellschaft und den freien Markt. Nur auf unserem Fundament einer europäischen Kultur, einer Zivilisation und unseren Wertenormen könne dieser jedoch existieren.

In hohem Alter wird Röpkes Denken dann radikaler. Oder ändert sich nur das voranspringende Jahrhundert und Röpke verharrt bei seinen alten Überzeugungen? Als letzter Feind Röpkes, der gleichermaßen ein Produkt sozialistischer Tendenzen, eines ungezügelten Kapitalismus und eines „wert“-losen Fortschritts ist, kann der moderne Massenmensch angesehen werden. Als Urvater der Probleme sei allerdings nicht ein Kollektivsystem anzusehen, sondern der technische Fortschritt als hinreichende Bedingung für eine ungezügelte Bevölkerungsvermehrung.

Ab den 50er Jahren klagt Röpke an: „Verflachung, Einebnung, Unverbindlichkeit, Unselbstständigkeit, Herdenhaftigkeit und banale Durchschnittlichkeit des Denkens, die wachsende Herrschaft der Halbbildung, die Zerstörung der Hierarchie der geistigen Leistungen, die Zerbröckelung der Kulturpyramide und die Anmaßung des modernen Massenmenschen, der sich selbst zur Norm setzt und alles feinere und tiefere überwuchert.“ So wandelt sich Röpkes „Kulturkampf“ in den folgenden Jahren und bekommt deutlich konservativere Züge.

Seine Ablehnung der Moderne gipfelt in seinem Spätwerk: Jenseits von Angebot und Nachfrage (1958). Spätestens da kann man Röpke in einem Atemzug mit José Ortega y Gasset und Karl Jaspers, aber auch den konservativen Weimar-Kritikern der 20er und 30er Jahre nennen. Er sieht in der Vermassung des Westens die größte Gefahr für das Abendland. Die Demokratie, also die bloße Herrschaft der Zahl, drohe Kultur und Tradition, Verwurzelung und Wertnormen, auszulöschen. Ohne diese Faktoren kann auch keine freie Wirtschaft mehr bestehen. Und erst Recht keine freien Menschen.

Röpke stellt heute den entscheidenden Angelpunkt zwischen ökonomischem Denken und konservativer Kulturkritik dar. Wenn Patrioten sich mit Röpkes Denken und auch seiner Ökonomie befassen würden, und die Ökonomen statt kalter Zahlen sich mit Röpkes Wertegerüst auseinandersetzen würden, hätten beide Fraktionen einen enormen Mehrwert gewonnen. Denn eines hat Röpke gezeigt: Ohne Kultur keine Wirtschaft und ohne Wirtschaft keine freien Menschen. Das Menschliche aber stand schon immer „jenseits von Angebot und Nachfrage“.

(von: Florian Müller)

Zitat

»Die Gesellschaft als Ganzes kann nicht auf dem Gesetz von Angebot und Nachfrage und auf dem Appell an das Eigeninteresse aufgebaut werden, und es ist gute konservative Überzeugung, daß der Staat mehr ist als eine Aktiengesellschaft. Mit anderen Worten: die Marktwirtschaft ist nicht genug. Sie muß in eine höhere Gesamtordnung eingebettet werden, die nicht nur die Unvollkommenheiten und Härten der Wirtschaftsfreiheit korrigiert, sondern dem Menschen die seiner Natur gemäße Existenz schafft. Der Mensch aber kann nur dann volle Erfüllung seiner Natur finden, wenn er sich willig einem höheren Ganzen, einer echten Gemeinschaft einfügen und sich als ihr dienendes Glied fühlen kann. Sonst führt er eine elende Existenz trotz allem materiellem Komfort, und er weiß es.«

Wilhelm Röpke: Marktwirtschaft ist nicht genug. Waltrop und Leipzig 2009.